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Lyrik von mir

mein Buch:  

 

 

 


Fremdgefangen

Wie versteinert lag ich im Ungewissen. Man hatte mich auf den Rücken gelegt und ich schrie jämmerlich weinend. Alles, was ich fühlte, war meine Regungslosigkeit und dass mich tiefe Schwärze umhüllte, obwohl ich noch kurz zuvor die wärmende Sonne genoss. Was mir das Tageslicht nahm, war mir ein Rätsel. Und worauf ich lag, konnte ich ebenso wenig definieren. Mein Körper reagierte nicht mehr. Wenn ich mich aufrichten wollte, spürte ich, dass meine Glieder meinem Willen nicht folgten. Die Verbindungen zu meinem Kopf, meinen Armen und Beinen schienen tot.

Das Einzige, was arbeitete, war mein unaufhörliches, ohrenbetäubendes Kreischen! Es ging nicht abzustellen, und doch konnte ich denken und hören.

   Noch nie zuvor erlebte ich solch eine beängstigende Situation. In der Schwärze liegend, kreisten meine Augen hektisch. Die Lider schienen schwer wie Blei und ließen sich nicht öffnen. Ich wusste weder, wo ich lag, noch wer mich hier her brachte.

   Meiner Verzweifelung unterlegen vernahm ich plötzlich Ausrufe. Ich hielt inne und versuchte, trotz meines lauten Weinens, die Stimmen zu erkennen. Doch sie waren mir fremd. Sah man denn nicht, dass ich hier liege? Meine Hand konnte ich nicht heben, um auf mich aufmerksam zu machen. Mir schien, als seien all meine Nervenbahnen durchtrennt. Ob ich gelähmt war?

   Irritiert vernahm ich panische Laute: Angstvolle Menschen und hektisches schnaufen! Ich wurde unruhiger. „Der eine hat eine Pistole!“, hörte ich eine Frau schreien und die Tür schlagen. Wo war ich hier bloß? Werde ich bedroht? Mein Puls schoss in die Höhe. Mehrere Personen rannten aufgebracht um mich herum und ich, inmitten deren Windeshauch. Meine Angst drohte mich zu ersticken, ich atmete hektischer und wollte nichts als weg. Ich versuchte erneut meinen Oberkörper aufzurichten, meine Beine anzuwinkeln, doch nichts reagierte.

   AUA! Schoss es mir durch den Kopf, als mir jemand mit der flachen Hand auf die Backe schlug. Lass das!, fluchte ich innerlich.

Halllooo“, schrie mich eine herbe Stimme an, „Halllooo! Hören Sie mich?“ Sein strenger Atem ließ mich innerlich zurück schrecken und doch kämpfte ich verzweifelt darum, meine Lippen zu öffnen und mich zu erheben. „Hör doch auf zu schreien“, forderte er mich auf und wuchtete mich heftig an sich reißend hoch. Mein Gesicht versank im rauen Stoff seiner Kleidung. Meine Arme und Beine taumelten kontrolllos umher. Ich sackte in mich, doch seine großen Hände richteten mich wieder auf. Mein abstoßendes Heulen verwandelte sich in vernehmbares Geseufze. Irgendjemand ließ mich langsam zu Boden und ich knickte zusammen wie eine Marionette, die man samt den Fäden, an denen sie hängt, zusammen faltete. Der übel riechende Atem drang sich mir wieder auf und fuchtelte an mir herum. Was sollte das? Hände weg!, fauchte ich innerlich. Rastlos hektisch kreisten meine Augen ... Wo waren all meine Lieben bloß? Mein Herz schlug schwer und Schweiß legte sich auf meinen Leib. Immer wieder fasste man mich an und ich tobte physisch! 

   Die Schritte sowie die Stimmen entfernten sich plötzlich und wurden leiser, bis sie ganz aus meinen Ohren entschwanden. War ich nun alleine?

Innerlich hielt ich fast den Atem an, um feststellen zu können, wo ich war oder lag. Mir schien, als habe man mich in einen leeren, kühlen Raum abgelegt ...

Was würde nun mit mir passieren? Ich zitterte am ganzen Leib. Die Stille war so erschreckend, dass ich das Summen von Lichtröhren vernahm. Irgendetwas hatte man mit mir vor … Dann knarrte unerwartet eine Tür. Mehrere Schritte hallten wider den Wänden und viele Stimmen tuschelten um mich herum. Man lief auf mich zu. Unbehagen durchfuhr mein Innerstes. Ohne Vorwarnung stülpte man mir überfallartig eine Folie über den Mund. Voller Schreck inhalierte ich hektisch atmend die sich in meinen Rachen legende Folie. Sie nahm mir die Luft! Verzweifelt rang ich danach, sah das denn niemand? Schlug nun meine letzte Stunde? Panisch strampelnd riss ich die Augen auf und schrie ins Dunkle. Niemand hörte mich. Wie erschlagen sackte ich verzweifelt in mich, kurz vor der Ohnmacht stehend. „Vorsicht, sie erstickt“, stellte eine liebevoll klingende Stimme fest und befreite mich von dieser qualvollen Attacke. Innerlich erleichtert und schluchzend, schlug mein Herz noch wie wild. Ich ließ mich fallen und sank ergeben in grenzenlose Gleichgültigkeit.

Im Reich des Deliriums ergriff jemand liebevoll meine Hand und streichelte sie. Panisch schreckte ich hoch: Wer war das? „Hallo Schatz“, vernahm ich die leisen Worte meines Vaters. Mein Vater! Er würde mich retten und hier raus holen. Endlich war ich nicht mehr alleine. Doch seine wärmespendenden Hände glitten schnell wieder von mir. „Sie wimmert schon seit Stunden“, sagte eine zarte Frauenstimme. Da schloss auch schon die knarrende Tür. Papa? Ist er gegangen? Bitte gehe nicht!, flehte ich innerlich. Mein Weinen wurde leiser und das Zuschlagen der Tür hallte noch in meinen Ohren.

   Ich wollte hier raus und begann zu toben, zu hyperventilieren, wie ein brodelnder Vulkan kurz vor dem Ausbruch. Mein Brustkorb erhob sich, und ich hechelte nervös und aufgeregt. Adrenalin durchfuhr mich. Verzweifelt brach ich energiebeladen, panisch, aus und schrie lauthals: „Neeeiiin, gehe nicht!“ Meine Gestalt erhob sich und bäumte sich auf. „Gehe nicht!“, formten meine ausgetrockneten Lippen leiser werdend. Ich verstummte und kam zu mir. Mühevoll blickte ich aus meinen verklebten und verquollenen Augen. Alles war so verschwommen. Unsicher holte ich tief Luft und atmete aus. Schweiß triefte von meiner Stirn auf das Bett, auf dem ich saß. Wessen Bett war das? Wortkarg strich ich meine Kleidung glatt, blickte um mich herum und entledigte mich dann meiner verschleimten Nase am rechten Ärmel. Ekelig. Da öffnete sich plötzlich die Tür und ein weißes Gewand mit Brille näherte sich mir. Liebevoll streichelte es meine Wange. ES war eine SIE. Sie wischte mir mit einem Tuch mein Nasensekret aus dem Gesicht, kippte ihre Brille und sah mich mit großen grünen Augen an: „Geht’s wieder? Sie wurden in eine Prügelei verwickelt und standen unter Schock“, erklärte sie und schob ihre Brille wieder auf die Nase. Unwissend starrte ich sie an. „Ich bin gleich wieder da“, hauchte sie freundlich und drückte mich behutsam ins Kissen zurück. Noch von ihrem Parfüm irritiert, legte ich meinen brummenden und schmerzenden Kopf seitlich in die Ellbogenfalte, schloss die Augen und ließ meine angestauten Ängste fallen.

(Veröffentlicht 2002 bei "www.Schreibzimmer.de")

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Im Licht des Blitzes


Draußen regnete es in Strömen. Durch den Park peitschte der Wind und die Blätter wirbelten wild durch die Luft. Meine Nase klebte am Küchenfenster. Ich liebte dieses Wetter! Es war so faszinierend! Während meine Mutter hinter mir das Essen zubereitete, berichtete ich ihr aufgeregt, wie verrückt draußen die Natur ihr unberechenbares Wesen trieb. Die Bäume bogen sich weit zum Boden hinunter und fügten sich den Hieben des Sturmes. "Wie kann man solch ein Unwetter bloß toll finden?", sagte sie entsetzt und wendete das Fleisch in der zischenden Pfanne.

 Plötzlich durchschlug ein greller Blitz den schwarzen Horizont. Donner brach so heftig über uns ein, dass man hätte glauben können, etliche Düsenjäger seien über unser Haus geschnellt. "Boa, das ist klasse!", sagte ich erstaunt und beschlug mit meinen Atem die Fensterscheibe. "Bitte gehe vom Fenster weg!", forderte meine Mutter mich auf. Doch ich hörte sie nicht, nein, ich konzentrierte mich viel mehr auf das, was ich hinter der langsam wieder klar werdenden Fensterscheibe, dort unten im Park, zu sehen glaubte ...

Es bewegte sich etwas hinter einem Baumstamm, ein Hut? Eine Mütze? Ein Mensch? Was war das? Ich presste mein Gesicht ans Fenster.

"Hast du nicht gehört?", ließ meine Mutter nicht locker, "du sollst da weggehen, das ist gefährlich bei Blitz und Donner!"

Mir stockte der Atem; da trieb sich doch tatsächlich bei diesem Unwetter ein kleiner Junge mit Baseballkäppi und T-Shirt, einsam an einem Baum, mitten im gottverlassenen Park, herum. Er suchte wohl Schutz. Unter einem Baum? Genau das Falsche bei diesem Wetter! Er stapfte ungeduldig, womöglich frierend, immer wieder mit seinen schlamm-verschmierten Turnschuhen auf und ab. Beim genauen Hinsehen erkannte ich, dass er verzweifelt weinte. Er war durchnässt, einsam, so verloren!

Ich zögerte nicht lange und schlüpfte in meine Jeans und meine Regenjacke.

"Wo gehst du hin?", fragte meine Mutter, als ich gerade die Wohnungstür zuschlug und ins Treppenhaus hinunter sprang.

Ich kämpfte mich durch den starken Wind und watete durch die aufgeweichte, matschige Wiese bis in den Park hinein. Da vernahm ich schon das leise Wimmern des Jungen.

"Hey", sprach ich ihn an und kniete mich zu ihm nieder: "Was machst du denn hier draußen bei diesem Wetter? So ganz alleine!"

Mir schien, als stünde er unter Schock. Er schluchzte lediglich vor sich hin und rieb sich mit der blanken Hand die triefende Nase und starrte mich erschrocken an.

Über uns donnerte es weiter, Blitze krachten heftig und furchteinflößend über uns
ein ... und wir, mitten unter einem Baum!

"Komm mit!", sagte ich zu dem Kleinen und nahm ihn bei der Hand.

   Als ich die Wohnungstür aufschloss, wollte meine Mutter mir gerade die Leviten lesen, als sie sah, wen ich an der Hand hielt. Fragend sah sie uns abwechselnd an. Das Wasser unserer Kleidung triefte auf den Laminat-Boden, den wir bereits mit Lehm verschmierten, und unsere Haare klebten strähnig in unserem Gesicht.

Ich trocknete uns schnell ab und legte die Kleider auf die Heizung. In meinen Bademantel eingemummelt saß er wortkarg auf der Couch und machte irgendwie einen sehr eingeschüchterten Eindruck. Aber er war ein verdammt goldiges Kerlchen, er sah so frech aus mit seinen struppigen, blonden Haaren und seinen blauen Augen, die von wunderschönen, langen Wimpern umgeben waren. Doch seine schönen Augen kreisten unsicher hin und her.

   Ich redete ruhig auf ihn ein, dass der starke Regen bald vergehen würde und wenn seine Kleidung trocken sei, er wieder in den Park könne.

Doch er sagte nichts, er starrte unentwegt auf den Boden. Es schien, als habe er Angst, obwohl wir so lieb und fürsorglich zu ihm waren.

Ich machte mir Sorgen, er regte mich zum Nachdenken an. Er sprach nicht, wollte nichts essen und verhielt sich sehr eingeschüchtert. Nun ja, wir waren fremd für ihn, irgendwie konnte ich ihn verstehen. Doch leider wusste ich nicht mal seinen Namen, wo er her komme oder wohnte.

"Kennst du die Geschichte vom Räuber Hotzenplotz?", fragte ich und setzte mich neben ihn. Während ich das Buch aufschlug und ihm die Bilder der Geschichte

erklärte, griff ich demonstrativ in die Keksdose, die vor uns auf dem Tisch stand. Doch er aß nichts. Ich begann vorzulesen. Er wirkte interessiert. Mit verstohlenem Blick hörte er aufmerksam zu.

... Als ich gerade auf Seite 52 angelangt war, rief meine Mutter aus der Küche: "Der Regen hat aufgehört, die Sonne scheint wieder!" "Toll", entgegnete ich und sah den Jungen an. "Hast du gehört? Wir können wieder raus gehen." Ich stand auf und holte die Kleider von der Heizung. Während er sich anzog, steckte ich mir einen Apfel in die Jackentasche. Meine Mutter verabschiedete sich noch von ihm, dann brachte ich ihn hinunter in den Park, da hin, wo ich ihn vorfand.

"Ich denke, du weißt schon, wo du hin willst", sagte ich und reichte ihm den Apfel. "Lass ihn dir schmecken und pass auf dich auf", fügte ich lächelnd hinzu und strich ihm über sein Baseballkäppi. Dann drehte ich mich um und ging nach Hause.

In der Wohnung angekommen, sah ich noch einmal aus dem Fenster und beobachtete, wie der Kleine genussvoll und herzhaft in den Apfel biss. Er umklammerte ihn fest mit seinen Händen und biss durch die Mitte des Apfels einen umlaufenden Ring. Da stand er nun, im Sonnenschein, und genoss schmatzend meinen Apfel. Das freute mich sehr und ich grinste zufrieden vor mich hin. Plötzlich drehte sich der Kleine unerwartet in meine Richtung, sah zu mir hinauf und winkte mir freudig zu. Sein Gesicht strahlte Zufriedenheit wider und sein sympathisches Lächeln sagte mehr als 1000 Worte!

Völlig überrascht fuhr mir ein breiteres Lächeln übers Gesicht und ich winkte ihm ganz heftig zurück. Dann zog er los, über die große, weite Wiese des Parks. Ich sah ihm nach, bis er hinter der Mündung des Seeweihers verschwand.

 

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